Risiko Schlaganfall
In Deutschland erleiden im Schnitt 270.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Mönchengladbach. Schlaganfälle sind die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für körperliche Langzeit-Beeinträchtigungen im Erwachsenenalter.
Nun: So etwas wie ein Schlaganfall spielt in unserem Denken in der Regel keine Rolle. Lediglich dann, wenn wir in unserem näheren Umkreis (Familie, Freunde, Nachbarn) von einem Schlaganfall hören, dringt diese Möglichkeit in unser Bewusstsein vor – meist kurzfristig. Wir schieben das weg – das habe ich auch, bis es meine Frau (64) ohne jede Vorwarnung traf …
Ich bin kein Arzt; ich schreibe diesen Artikel lediglich als Betroffener, der sich zwangsläufig informieren musste und seine Erkenntnisse nun weitergeben möchte. Denn ein Schlaganfall kann jede und jeden treffen – vom Säugling bis zum Greis. Grundsätzlich ist ein Schlaganfall keine reine „Alterskrankheit“; die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt allerdings mit zunehmendem Alter: Fast 80 % der Betroffenen sind über 60 Jahre alt; das Risiko steigt mit dem Alter exponentiell an, jedoch erleiden jährlich auch rund 30.000 Menschen unter 55 Jahren einen Schlaganfall.
Anzeichen eines Schlaganfalls sind vor allem plötzlich auftretende neurologische Krankheitszeichen wie Seh- oder Sprachstörungen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen im Gesicht oder an den Armen und Beinen; oft ist nur eine Körperhälfte betroffen.
Mehr als 80 Prozent der Betroffenen überleben das erste Jahr nach einem Schlaganfall, mehr als die Hälfte der Betroffenen unter 50 Jahren auch die nächsten fünf. Das Alter ist ein entscheidender Faktor: Mit zunehmendem Alter sinkt die verbleibende Lebenserwartung.
Was ist eigentlich ein „Schlaganfall“?
Zu einem Schlaganfall kommt es, wenn die Blutversorgung zu einem Teil des Gehirns unterbrochen wird. Mediziner unterscheiden zwischen einem „ischämischen“ Schlaganfall (Hirninfarkt), bei dem ein Blutgerinnsel oder eine Verengung eines Blutgefäßes im Gehirn den Blutfluss blockiert und einem „hämorrhagischen“ Schlaganfall (Hirnblutung), bei dem ein Blutgefäß im Gehirn platzt und Blut in das umgebende Gewebe austritt. Es ist enorm wichtig, die Ursache für den Schlaganfall herauszufinden und zu behandeln bzw. zu beheben.
Etwa vier von fünf Schlaganfällen sind ischämischer Natur; es kommt durch den Verschluss oder die Verengung eines hirnversorgenden Blutgefäßes durch ein Blutgerinnsel (einem sog. „Thrombus“) zur Unterversorgung eines Hirnareals mit Sauer- und Nährstoffen. Wenn es gelingt, in der akuten Notfallsituation das verstopfte Gefäß schnell wieder zu öffnen, besteht die Chance einer vollständigen Genesung; alle späteren Maßnahmen zielen lediglich auf eine Schadensbegrenzung.
Ein Schlaganfall ist ein unvorhersehbares, schwerwiegendes Krankheitsereignis, das in vielen Fällen zu langanhaltender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit führt. Das Absterben der nicht mehr mit Blut versorgten Nervenzellen im Gehirn bringt je nach Ausmaß und Lokalisation mehr oder weniger schwere Schäden mit sich – Ausfälle wie Arm- und Beinlähmungen und Sprach-, Sprech- oder Sehstörungen. Zudem können auch komplexe Hirnfunktionen wie Gedächtnis, Abstraktionsvermögen, Raumorientierung und die Selbstwahrnehmung des Körpers betroffen sein. Von den betroffenen Personen weisen bis zu 40 % langfristig Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens auf (beispielsweise bei der Fortbewegung, der Körperpflege oder dem selbstständigen Ankleiden und Essen). Solche Alltagseinschränkungen erfordern häufig eine pflegerische Versorgung.
Bei leichten Schlaganfällen gehen diese Ausfälle binnen einer Woche zurück, bei einem „Mini-Schlaganfall“ (sog. „transitorische ischämische Attacke“) sogar innerhalb von 24 Stunden. Nach schwereren Schlaganfällen werden viele Betroffene zum Pflegefall; der Pflegegrad hängt von der Schwere des Schlaganfalls ab. Rund die Hälfte der Betroffenen leiden unter weitgehend bleibenden gesundheitlichen Folgen wie Lähmungen oder Schwäche in bestimmten Körperteilen, Sprach- und/oder Sprechstörungen, Gedächtnisproblemen oder Schluckbeschwerden; mitunter kommt es auch zu Störungen der intellektuellen Kapazität und des Auffassungsvermögens. Auch psychische Veränderungen wie Angstzustände, emotionale Kälkte oder Persönlichkeitsveränderungen sind häufige Folgen. Viele Patientinnen und Patienten entwickeln in Folge des Schlaganfalls eine schwere Depression (PSD = „Post Stroke Depression“) – zum Beispiel, wenn sich ein Betroffener durch seine Einschränkungen wert- und nutzlos fühlt, er oder sie es nicht schafft, positiv in die Zukunft zu blicken und verlorenen Fähigkeiten nachtrauert.
Durch physio-therapeutische, ergo-therapeutische und sprach-therapeutische Maßnahmen können die Auswirkungen des Schlaganfalls in Laufe der Zeit reduziert und die Funktionsfähigkeit ggf. zumindest teilweise wiederhergestellt werden.
Abschied von der Lebensplanung
Wenn nach einem Schlaganfall Schäden bzw. Defizite zurückbleiben, wird die ganze Lebensplanung auf einen „Schlag“ Makulatur. Der alte Spruch „Wer Gott zum Lachen bringen will, der mache Pläne“, greift gerade hier zu hundert Prozent. Denn nach einem Schlaganfall verändert sich das Leben „schlag“-artig – sowohl für die Betroffenen als auch für ihre Angehörigen stellt dies eine große Umstellung dar und belastet den Alltag massiv. Oft kommt es auch vor, dass die Betroffenen die Veränderungen selbst gar nicht richtig wahrnehmen können und glauben, sie seien von den motorischen Einschränkungen abgesehen weitgehend noch derselbe Mensch wie zuvor. In diesem Fall ist die Belastung für Angehörige besonders groß.
Nun sind gedrückte Stimmungen, Niedergeschlagenheiten, ängstliches und zurückgenommenes Verhalten Ausdruck der Krankheitsverarbeitung. Dies ist ein notwendiger Prozess, der sich erst entfalten kann, wenn sich die Dinge wieder ein wenig „gelegt“ haben und Ruhe eingekehrt ist – Ruhe, um das Geschehene Revue passieren zu lassen und über die Bedeutung eines solch einschneidenden Krankheits- und Lebensereignisses nachzudenken.
Während in den ersten Wochen bis Monaten nach dem Schlaganfall Hoffnungen auf die baldige Rückkehr zum „alten“ und vertrauten Leben dominieren, entwickeln sich nach und nach sorgenvolle Gedanken, möglicherweise das Leben künftig mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen meistern zu müssen. Viele Schlaganfall-Patienten sind verunsichert, weil sie beobachten, wie die eigene Sinneswahrnehmung, das Denken oder Gedächtnis sich verändert haben. Nicht selten verschieben sich in Familie, Partnerschaft oder Freundschaften die Rollen- und Aufgabenverteilungen. Dies kann emotional fordernd und überfordernd sein.
Unter dem Eindruck des Schlaganfalls und seiner Folgen spüren viele die Notwendigkeit, soziale Beziehungen und Lebensziele auf den Prüfstand zu stellen. Manche hinterfragen Leistungsansprüche an die eigene Person und bewerten Prioritäten neu. Dabei können Betroffene äußerst hart mich sich ins Gericht gehen: Sie hadern vielleicht damit, nicht genug Selbstfürsorge betrieben oder ärztliche Empfehlungen nicht ausreichend befolgt zu haben, und nicht wenige Menschen tragen sich mit der Frage nach dem „Warum“.
Finanzielle Unterstützung seitens der Krankenkasse
Je nach Schwere des Schlaganfalls kann der Patient / die Patientin nach dem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt entweder weiterhin zuhause leben oder aber in einem Senioren-Heim. Letzteres ist für den Patienten und ihre Angehörigen mit enormen Kosten verbunden, die mit „normalem“ Einkommen kaum zu stemmen sind [LINK].
Ein Schlaganfall-Patient, der zuhause lebt und nicht mehr umfassend selbständig leben kann, benötigt eine „Pflegeperson“, die im Haushalt lebt und sich um die Belange des Patienten kümmert. Es ist vorteilhaft, wenn dies vorher in einer Patientenverfügung bzw. einer notariellen Vorsorgevollmacht festgelegt worden ist. Diese „Pflegeperson“ erhält von der Krankenkasse ein regelmäßiges monatliches „Pflegegeld“ für die häusliche Pflege, dessen Höhe vom jeweiligen „Pflegegrad“ abhängt [siehe LINK].
Nach einem Schlaganfall besteht bei dauerhafter Beeinträchtigung der Selbstständigkeit Anspruch auf weitere Leistungen der Pflegeversicherung. Voraussetzung: Ein Pflegegrad (1-5) muss vom Medizinischen Dienst (MD) basierend auf der verbliebenen Selbstständigkeit festgestellt werden.
Weitere finanzielle Unterstützungen seitens der Krankenkasse sind sog. „Entlastungsleistungen“ wie Hilfe im Haushalt [LINK] sowie eine sog. „Verhinderungs- und ggf. auch „Kurzzeitpflege“ [LINK] / [Link], je nach Pflegegrad Fahrkostenerstattungen von Fahrten zum Arzt auf Rezept [LINK] oder zum Therapeuten sowie pflegerische Hilfsmittel [LINK]. Bei den sog. „Ersatzleistungen“ handelt es sich um Unterstützungsleistungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Geschulte Ehrenamtliche oder professionelle Betreuungskräfte übernehmen für einige Stunden im Monat verschiedene Aufgaben (z.B. in der Haushaltshilfe).
Die „Verhinderungspflege“ (Ersatzpflege) ermöglicht pflegenden Angehörigen eine Auszeit, wenn sie durch Urlaub, Krankheit oder andere Gründe an der Pflege gehindert sind. Ab Pflegegrad 2 können bis zu 3.539 Euro pro Kalenderjahr für bis zu 56 Tage genutzt werden; sie ist flexibel stunden- oder tageweise einsetzbar.
Alle diese Krankenkassen-Leistungen müssen von der „Pflegeperson“ beantragt werden; entsprechende Formulare findet man im Internet bei der jeweiligen Krankenkasse. Für die notwendigen „Verordnungen“ für Therapien (Ergo- und Physiotherapie, Logopädie) muss der Hausarzt bzw. Neurologe konsultiert werden.
Bedrückendes Fazit
Alles in allem ist es schon eine gewaltige und die Lebensqualität massivst reduzierende Situation, die nach einem Schlaganfall auf die Betroffenen und auch auf ihre Angehörigen zukommt. Nichts ist, wie es einmal war – und das bisherige Leben gerät „schlag-artig“ aus den gewohnten Fugen. Was den Angehörigen bleibt, ist ein völlig anderes Leben als bisher. Freundinnen und Freunde brechen weg, weil sie mit der Situation kaum oder gar nicht umgehen können. Enttäuschungen über früher als sicher eingeschätzte „Freunde“ sind an der Tagesordnung. Allerdings: Ungeahnte bisher eher lockere Beziehungen können plötzlich aufbrechen und sich als hilfreich entpuppen. Psychologische Hilfen für die Angehörigen sind spärlich und erfordern meist eine lange Wartezeit. Dennoch: Es geht. Was bleibt auch sonst? Life is live!
Rainer Harmßen für
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